StartseiteLifeRidingRivaldo Riding

... der Reit-Weg im Detail

Rivaldo´s Einrollproblematik ist in der Behebung nicht ganz einfach, da sie bereits zu einem Verhaltensmuster geworden ist, aus welchem er nicht immer leicht zu lösen ist. Es ähnelt teilweise einem Wahn oder einem dissoziativen Zustand, dass er sich selbst dann noch einrollt, wenn die Zügel ganz lang und ohne Verbindung sind.
Es ist wie bei einem Traumapatienten. Es gibt sog. "Trigger", das sind bestimmte Situationen,
Handlungen oder Momente die das unerwünschte Verhalten, z.B. Rivaldo´s Einrollen auslösen.
Die erlernte Hilflosigkeit muss "umprogramiert" werden,
so dass Rivaldo weiß, dass er wieder selbstbestimmt handeln darf.
Rivaldo´s Einrollen ist nur eine von vielen Narben.
Anfangs war er keine 2 Meter über den Hof zu führen, ohne dass er die Flucht antrat,
von Steigen, über Umrennen oder Beissen war alles dabei...
Es war und ist ein langer Weg des Vertrauens und der Geduld, solche "Muster" zu lösen und mit Neuem,
Positivem zu "überschreiben". Das sind Dinge, die brauchen Zeit, und vorallem Liebe und keinen Druck.
Es ist eine Herausforderung an den Menschen, den Balanceakt aus Verständnis und Kosequenz
zu meistern, manches nicht persönlich zu nehmen und wieder anderes gerade persönlich zu nehmen
und den Fehler bei sich zu suchen. Das gilt nicht nur für traumatisierte Pferde ;o)


Am Boden, wie reiterlich ist jedoch bereits eine solide Basis des Vertrauens und der Losgelassenheit,
innerlich, wie äußerlich geschaffen, auf welcher wir stetig aufbauen können.
Rivaldo hat zuerst am Boden, frei, dann an der Longe und mittlerweile auch unter dem Reiter,
in die Dehnungshaltung gefunden und die Momente des Einrollens werden weniger und weniger.
Und dennoch kommt es vor, dass es passiert.
Meist ist es ein deutliches Signal an mich, dass ich ihn überfordert habe oder aber er aus anderen Gründen unsicher geworden ist, weil etwas Ungewohntes rund um den Reitplatz passiert oder wir auf Neues im Gelände treffen.
Die Gründe für sein Einrollen sind nicht immer für mich klar erkennbar und manchmal,
z.B. im Gelände sind sie auch akut nicht änderbar und wir müssen einen Weg finden.
Wenn der "Wahn" ganz schlimm ist, hilft letztlich nur Absteigen und den Focus auf etwas ganz Anderes lenken,
z.b. auf eine seiner Lieblingsübungen oder auch schlicht nur ein paar Meter nebeneinander hergehen.
In der gymnastischen Arbeit halten wir in solchen Momenten an und ich versuche durch Ruhe,
Ausatmen, beruhigende Worte und Nichts-Tun, Rivaldo ins "Hier und Jetzt" zurückzuholen.
Manchmal hilft auch ein Leckerlie, denn Kauen entspannt Körper und Geist.

In den Fällen, in denen er "nur" leicht hinter die Senkrechte gerät, ist Hinterhandaktivität gefragt,
denn kommt das Pferd hinter den Zügel, sind die Vorderbeine rückständig und das Pferd fällt auf die Schulter(n).
Die Hinterbeine müssen weit nach vorne, unter die Masse greifen, damit sie tragen und die Vorhand entlasten können.
Vorwärts, ist also das Schlüsselwort, allerdings nicht in der Geschwindigkeit. Ganz im Gegenteil.
Ein eher ruhiges Tempo besinnt Rivaldo in seinen Körper, vorallem in seine Hinterbeine zu fühlen
und den Rücken aufzuwölben.
Unterstützen kann ich ihn in solchen "Einrollmomenten" mit sanften Aufwärtsparaden.
Hierzu hebe ich sanft eine oder beide Hände an, spreche mit vorsichtigen Bewegungen der einzelnen Finger Rivaldo´s Kiefergelenk an, um damit den Atlas zu öffnen und ihn so "manuell" aus diesem "verkriechen" hervor zu locken und zu lösen. Denn meist geht ein Einrollen, hinter den Zügel kommen, mit einem festen Maul einher.
Das Pferd hält sich fest und nur mit einem gelösten Pferd kann man arbeiten.
Augenscheinlich macht es keinen festen Eindruck, wenn sich das Pferd aufrollt,
denn die Zügel hängen durch, wenn die Nase hinter die Senkrechte gerät.
Wo also hält sich das Pferd da fest?
Durch die Enge in den Ganaschen passt das Kiefergelenk nicht mehr unter den Atlasflügel herein,
das Kiefergelenk wird festgehalten und die Unterhalsmuskulatur angespannt.
Über eine schöne Dehnungshaltung möchten wir die Oberlinie,
die obere Verspannung des Pferdes aufbauen und stärken.
Rollt sich das Pferd ein, bedient es sich genau der Gegenspieler, nämlich der unteren Verspannung.
Diese muss also gelöst werden.
Entweder erreiche ich ein Loslassen dieser falschen Muskulatur über einen völlig hingegebenen Zügel
oder ich hebe den Kopf bewusst hoch und löse das Genick mit sanften Paraden, bis die Nase wieder vor kommt.
All dieses passiert nur Sekundenweise und niemals dauerhaft oder ständig!!
Nach einem solchen Lösungsvorgang beginnen ich sofort erneut wieder die Dehnungshaltung zu erreiten.
Das Hauptaugenmerkt in der Korrektur der Einrollproblematik liegt allerdings im Untertreten des inneren Hinterbeines unter den gemeinsamen Schwerpunkt, denn wenn es vorne hackt, schwer oder urplötzlich täuschend leicht wird, ist hinten der "Motor" sehr wahrscheinlich "ausgegangen"!!
Ein sich einrollendes Pferd hat also in Wahrheit nicht wirklich ein Problem mit dem Kopf oder Hals,
sondern vorallem ein Problem in der Hinterhandaktivität!
Das Pferd hat gelernt, der Kopf muss runter, was die Hinterbeine machen ist nicht wichtig
und wenn, dann schieben die Hinterbeine nur, als das sie im Ansatz tragen!
Gerade die jungen Dressurpferde oder auch die Vollblüter haben massig Power,
welche geformt und kanalisiert werden sollte, um ein gesundes Reitpferd zu erhalten.
Doch meist sind Reiter und Ausbilder ungeduldig. Der Kopf muss runter.
Hebelnde, ziehende oder kraftvolle Reiterhände haben nichts mit der wahren Reitkunst zu tun,
sondern sind das Abbild unfähiger Reiter!
Pferde die durch so etwas Angst vor der Reiterhand bekommen, welche weich, nachgiebig und sensibel sein sollte,
sind nur logisch und wie ich gerade erlebe, äußerst schwer wieder zu korrigieren!
Gebt den Pferden und EUCH Zeit!

Gerade bei den Dressurpferden:
Hauptsache die Beine "strampeln" und es sieht nach viel Bewegung aus, Show halt.
Das die Hinterbeine hierbei nach hinten hinausschieben (anstatt zu tragen) und gar nicht reel unter dem Schwerpunkt landen, fällt kaum auf, denn verlässt man sich nur auf das "wieviel Hufbreiten titt das Pferd über", tappt man in die Falle.
Rivaldo trat mit seinen Hinterbeinen von Anfang an "1-3 Hufe über", d.h. vor den Abdruck des Vorderhufes
und man könnte denken: Alles ist wunderbar - doch weit gefehlt!
Die Täuschung kann nur enttarnt werden, wenn man sich die Vorderbeine und ihre Position anschaut:
Die Vorderbeine sind in solchen Fällen nämlich meist rückständig, d.h. das Pferd greift nicht frei aus der Schulter VOR, sondern nutz die Vorderbeine zur Trage- und Stützfunktion, anstatt seine Hinterhand!
Auf die Dauer ist ein solches Reiten genauso schädlich, wie ein dauerhaftes Laufen auf der Vorhand
durch ein "falsches" Vorwärts-Abwärts, denn nichts anderes ist es in Wahrheit:
Die Last liegt auf den Vorderbeinen.
Natürlich tritt in einem solchen Fall der Hinterfuss weit über den Abdruck des Vorderhufes hinaus,
doch wo landet er wirklich? Unter dem Schwerpunkt oder doch eher meilenweit davon entfernt?
Meist befinden sich die Vorderbeine dann deutlich mehr unter dem Schwerpunkt, als die Hinterbeine.
Dies erklärt u.a. auch so manchen Ballentritt, denn das Vorderbein kommt schlicht und einfach nicht schnell genug weg.
Die Lösung? Wie immer :o) Die Hinterhand zum Tragen bringen und den Rücken hochholen.
Einfacher gesagt, als getan, wenn das Pferdchen bereits voll "aktiv" ist und der Off-Knopf nicht existiert.
Rivaldo und mir hat es geholfen, anfangs eher unter Tempo zu reiten - der Weg der Langsamkeit/des bewussten Wahrnehmes - und immer nur kurze Reprisen im Trab zu nehmen, um ihn aus seinem "gedankenlosen Gestrampel" zu lösen und um sein Bewusstsein für seinen eigenen Körper zu schulen.
Doch ehe ich meine Schenkelhilfen bewusst zur Hinterbeinaktivierung einsetzen konnte,
musste Rivaldo beginnen mir zuzuhören, mir auch im Sattel sitzend vertrauen, seine Welt in meine Verantwortung geben. Vertrauen das wuchs, weil ich keinerlei "Reit-Anspruch" stellte!
Es ging schlicht um Losgelassenheit mit mir oben drauf.
Das Ziel war "reitende Wellness" und das er mir bzw. meinem Körper vertrauensvoll folgt. Das war alles.
Keine sonstigen Leistungsanforderungen!
Je mehr das Vertrauen wuchs, ich Richtung und Tempo nur durch meine Atmung und meinen Körper bestimmen konnte, desto gelassener, entspannter und losgelassener wurde Rivaldo.
Wir wurden langsam zu einem kommunizierenden Team.
Rein optisch betrachtet könnte man zu Recht sagen, von Reitkunst ist dieses Vorgehen weit entfernt,
doch im Grunde beginnt genau hier, die wahre Reitkunst: Harmonie, Teamarbeit, Gleichklang.

Als Rivaldo den Hals und jede innere Anspannung fallen ließ, sich mit mir in der Losgelassenheit bewegte,
konnte ich beginnen, Spannung, positive und gesunde Spannung aufzubauen und die Hinterhand gezielt zu aktivieren.
Nachdem der Zügel anfangs ausschließlich lang war und die Nase im Sand,
gewann Rivaldo immer mehr Vertrauen in meine Hand und suchte ganz langsam immer mal wieder die Anlehnung.
Der Kopf kam von ganz alleine höher und die Schwierigkeit bestand und besteht bis heute im wenig machen!
Je sensibler ich in meiner Hand bin und je feiner ich mit meinem Körper kommuniziere,
desto mehr beginnt Rivaldo sich von ganz alleine in das reele "Vorwärts-Abwärts" zu formen -
die Dehnungshaltung, welche für die Reitpferdegesundheit unabdingbar ist.

Das reele Vorwärts-Abwärts zeichnet sich durch eine Dehnung der oberen Verspannung,
also des Nacken-/Rückenbandes und der langen Rückenmuskeln aus.
Die Tiefe des Kopfes ist dabei abhängig von der Größe, dem Gebäude und dem Gymnastizierungsgrad des Pferdes und mit "Vorwärts-Abwärts" NICHT gemeint ist, ein dauerhaftes Laufen auf der Vorhand,
mit der Nase im Sand und heraustretender, schlurfender Hinterhand. Das ist kein gesunder Spannungsbogen.
Die Vorderbeine und der restliche Körper würden davon auf die Dauer erheblichen Schaden nehmen.
Doch keine Dehnungshaltung ohne Losgelassenheit!
Auch wenn das Laufen mit der Nase im Sand und schlurfender Hinterhand auf die Dauer nicht gesund ist,
braucht es genau eine solche Losgelassenheit, um überhaupt an eine Dehnungshaltung denken zu können.
Nur wenn sich das Pferd traut locker und vollkommen losgelassen, am langen Zügel abzustrecken,
ist die Basis für einen vertrauensvollen und gesunden Spannungsbogen gegeben.
Denn:
Der Kopf des Pferdes sollte nicht manuell an einen bestimmten Punkt gezwungen oder dirigiert werden!
Vielmehr ist die Kopfhaltung das Schaubild der Hinterhand!
Über die Höhe des Kopfes und die Formung des Halses entscheidet die Tragfähigkeit, nicht die Reiterhand!

Wer meint, er könne ein Pferd mit den Händen hoch halten, aufrichten,
der versuche doch mal den Stuhl an zu heben, auf dem er sitzt!

(Sinngemäß Bent Branderup)

Die relative (Selbsthaltung) und die absolute Aufrichtung (Versammlung)
entstehen NUR durch die Aktivität der Hinterhand und die Beugung der Hanken!
Den Beweiss bringt das freilaufende Pferd auf der Weide:
Einem Henst oder einem Wallach mitten im Imponiergehabe, in voller Aufrichtung und Versammlung,
formt kein Reiter den Hals oder hebt den Kopf in Positur.
Wer sich nicht ganz sicher ist, ab welchem Zeitpunkt der positive Spannungsbogen seines Pferdes
in der Bewegung verloren geht und es damit auf die Vorhand und die Schultern fällt,
dem kann ich empfehlen, sein Pferd in der freien Arbeit, sowie der Gymnastizierung an der Longe
genau zu beobachten und zu schauen, wo sich der Kopf wann befindet.
Das Beobachten und das Sehen ist ein sooo wichtiges Instrument für den Ausbilder eines Pferdes!
Nur wer seinen Schüler genau kennt, in allen Stärken und Schwächen, kann ihn fördern!
Um jemanden, auch ein Pferd zu kennen, muss man hinsehen und hinfühlen.
Fühlen und Zuhören kann Erfahrung ersetzen, das zeigen Kinder oder Reitanfänger.
Genaues hineinhöhren in den Körper des Pfedes während des Reitens, um zu erfühlen,
wann die positive Spannung raus und der Rücken nicht mehr aufgewölbt ist, gibt Antwort.

"Ich habe Zeit!" -
ich möchte diesen Ausspruch allen Reitern zurufen,
die plötzlich auf Schwierigkeiten stoßen
und mit ihren Pferden nicht einig werden können.
(Alois Podhajsk)

Im Vorwärts-Abwärts" geht es also nicht darum, den Kopf "irgendwie runter zu bekommen",
sondern um ein gelöstes, fleissig fußendes Pferd in Balance, welches seinen Rücken hebt.
Der Kopf findet dann seine individuelle Positionen von ganz alleine.

Fußen die Hinterbeine gleichmässig unter den gemeinsamen Schwerpunkt, unter die Masse,
bleibt die Schulter in der Wendung "oben" und spannen sich die Rückenmuskeln an und AB,
dann kommt der Kopf von ganz alleine "hoch" und der Hals wird rund.
Es nimmt immer mehr Last in der Hinterhand auf und der Weg zur Versammlung ist frei.

RIVALDO RIDING
SitemapRegisterImpressumHaftungsausschluss